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Ransome Stanley

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Ransome Stanley



Der in London 1953 geborene und bei Basel aufgewachsene Maler Ransome Stanley zählt offensichtlich zu einer Nachfolgegeneration der "Transavantgarde". Der italienische Kritiker Achille Bonito Olivia fasst unter diesem Begriff eine schwer eingrenzbare Gruppe von Künstlern aus verschiedenen Ländern zusammen. Zum Beispiel Mimmo Paladino, Enzo Cucchi, George Baselitz, Anselm Kiefer und Markus Lüpertz. Ransome Stanley gehört einer jüngeren Generation an, die sich formal kritisch von der "arte povera" und der "art brut" absetzt, inhaltlich jedoch zum Teil von diesen profitiert.


Gegen die konzeptionelle Strenge, gegen die betonte Zurückhaltung im Einsatz von Farbe setzt Ransome Stanley wieder ganz auf die Wirkung der Malerei. Die großformatigen Arbeiten haben im Werk des Künstlers


programmatischen Charakter und sind gleichzeitig Belege für die Rückwendung so genannter neoexpressiver Malerei auf Aspekte der Materialkunst sowie eine eher zurückhaltende, erdige Farbigkeit.

Konzeptionell und malerisch sinnliche Elemente bestimmen das reliefartige Objektbild gleichermaßen. So stehen dem strengen Aufbau in Vertikale und Horizontale die fließenden Formen der maskenhaft stilisierten Figuren und Köpfe und die tonig ineinander laufenden Farben gegenüber. Die eschatologische endzeitliche Stimmung entwickelt sich aus farblichen und formalen Assoziationen, nicht aus einer konkreten Erzählstruktur. Diese eher atmosphärische Ausstrahlung hat freilich nichts wirklich Bedrohliches oder Aggressives. Den Bildern eigen sind vielmehr Melancholie und stilles Gewähren.

Und so haben sie gleichzeitig jenen spezifischen klassischen Grundton von Ausgewogenheit und Harmonie. Die stilistische Vielfalt der Werke entstand in einem freien Umgang mit dem
Repertoire der Kunstgeschichte. Das Zitat wird systematisch eingesetzt und gleichzeitig verfügt der Künstler über populäre Bildformeln aus dem Comic und der Gebrauchs- sowie Volkskunst. Dabei sind die Grenzen zwischen Erhabenem und Alltäglichem fließend sowie große Form und Pathos brüchig. Die Bilder präsentieren sich in einer singulären Balance von innerer Freiheit und äußerer Gebundenheit. Alle Bilder verbergen ein Geheimnis. Aus der fast symbiotischen Beziehung zwischen erkennbarer Figur und sich auflösendem Grund, zwischen beschreibbarem Bildmotiv und dessen nicht konkret fassbarem Gehalt resultiert die Intensität der Gemälde. Nicht ein bestimmter Gehalt steht so zur Diskussion, sondern das Medium Malerei selbst.


Johannes van Megen

Ransome Stanley - Von Zeiten und Räumen


Man stelle sich folgende Szene vor: An einem heißen Sonntag am anderen Ende der Welt, fern der Heimat, dudelt aus der Nachbarwohnung durch die dünnen Betonwände hindurch ein längst vergessener europäischer Schlager der 60er Jahre und mit einem Mal mischt sich der Duft tropischer Gewächse der Geruch von Erbsensuppe und Maggi.

Der argentinische Schriftsteller Julio Cortàzar nannte so etwas das "Erbrechen der Erinne-rung". Die Zeit bricht durch den Raum, wie ein Auto durch die Leitplanke einer linearen Straße , nichts ist wie damals, und doch ist Damals plötzlich da, wenn auch als flüchtige Ahnung, ein intensives Bild an einem Ort , wo es nicht hingehört, es ist in einer anderen Zeit und einem anderen Raum spürbar und beeinflusst ihn.

Die Bilder von Ransome Stanley, Jahrgang 1953, wirken so ähnlich, wie diese seltsamen Déà-vus. Sie dringen durch die Zeit und die Materialien hindurch, ohne jemals ganz anzukommen in der Gegenwart des Betrachters, der nur ahnt, dass sie keine Erfüllung sind, sondern ledig-lich diffuse Sehnsüchte und vergessene Hoffnungen wecken.

Ein Jazzsänger wie aus einer Südstaatensaga, das Logo eines alten Plattenlabels, der Bug eines Ozeandampfers, eine afrikanische Maske, eine Afri-Cola-Palme, eine Stadtansicht von Paris, New York, von Havanna; Stanley nimmt das offensichtlich Plakative, und setzt es sich gegenseitig und der Zeit aus, schleift es, lässt es verrosten, entführt es geradezu aus einem angestammten Kontext, übermalt es. Ein Hollywoodkuss in erdig-rostigem Braun: Es wäre so schön gewesen, einmal so geküsst worden zu sein, auch wenn es ein gestellter Idealkuss ist, irgendwie künstlich, was wir ja wissen - und dennoch sehnsüchtig seufzen.

Ransome Stanley, Sohn eines nigerianischen Journalisten und einer Deutschen, thematisiert in seinen Arbeiten immer auch die Spannungen seiner Herkunft, den Wechsel als Kind von London nach Grenzach, den Verlust des Vaters, der irgendwo in Afrika starb. Geprägt von einem Leben in einer Gesellschaft, die sich als Fremde in ihrer Mitte nur widerstrebend ver-traut macht, ist es besonders die Suche nach dem eigenen Fremdgebliebenen, das sich man-gels der väterlichen Vermittlung nicht vertraut machen ließ. Afrika ist immer da und auch ab-wesend, ist Statement und bleibt doch Mythos, manchmal Klischee, eine Ahnung ohne stabilen Grund.
Das in die Ölfarbe gekratzte Boot, der Mann, der sich vornüberbeugt, sie sehen so aus, schwarz auf gebrochen fleckigem Weiß, wie die Narben einer schlecht verheilten Verletzung.
Stanleys Bilder befassen sich mit Themen wie Nähe und Distanz, Oberfläche und Tiefe, Kli-schee und Bedeutung, Form und Inhalt, handeln von Musik, Bewegung, Tanz und Ritualen, Schrift und Worten, und handeln immer auch von dem, was das jeweilige Material vorgibt.

Die Abstraktion eines löchrigen Blechs wiederholt sich als Muster, die Farbe, die Struktur findet sich wieder in der Figur eines Tieres, eines Rades.

Fast zufällig zitieren sich so Raum und Zeit, reichen sich an überraschenden Stellen eines Bildes die Hand, verbinden sich für einen kurzen Augenblick zu einem Déjà-vu.

Vieles entsteht aus dem zufälligen Prozess, im Zwischenraum, wird gelenkt vom Gewicht der Pigmentmischung, vom Format der Leinwand, von der Spannung zweier oder mehrerer ne-beneinander gehängter Bilder. Es ist der geradezu physische Eindruck, Stanley erfasse seine Bilderwelt gleichzeitig mit den Händen und den Augen, mit der kritischen Distanz des Blicks und der Unmittelbarkeit des Tastsinns, der seinen Arbeiten eine enorme Sensibilität und Sinn-lichkeit verleiht.

Dies gilt sowohl für die kleinen Papierkollagen, die feine Zeichnungen mit Farbinseln, die kaum erkennbare Formen bilden, Gefäße, Boote, Köpfe und grafischen Fundstücken verbinden, als auch für die großformatigen Ölbilder auf Leinwand.

Die Bildflächen sind immer unterteilt , bilden Innenräume, durchbrochen und angeordnet durch Ornamente, einem Schraubenkopf, einem unter der Farbe verborgenen Rahmen, einem Bleck, oder einem Themenwechsel, einen Kommentar in Form eines grafisch verzierten Buchdeckels, eines übermalten Fotos, eines halben Wortes, eines Namen, der in die Farbe gekratzt , wie die Hinterlassenschaft eines gesichts- und gesichtslosen Passanten wirkt, Graffiti für die Ewigkeit.

Wie ertastbare Geschichten sind auch Stanleys Skulpturen, meist Bronzeabgüsse, wie aus einem Block gehauen, verletzt und dennoch griffig:
Da ist ein Boot, aus dem der Oberkörper eines Mannes wächst, TierReliefs vor totemartigen Büsten, ein gehörnter Tierkopf, der auf einem behuften Stamm sitzt, symbolisch, mystisch und dennoch nie eindeutig erkenn- oder definierbar.

Stanleys Arbeiten behalten ihr Geheimnis für sich, führen in ihrer stummen Andeutung an den Rand des Sagbaren, und gewähren dem Betrachter immer gerade soviel Bild, soviel Erinne-rung, soviel Raum, dass er sich lange, sehr lange in sie versenken kann, ohne auf Grund zu laufen.

Ricarda Solms



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